Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen?

Ein Gastbeitrag von Eva Winkler, Arbeits- und Gesundheitsschutz der GDV Dienstleistungs-GmbH & Co. KG, Hamburg

Bitte schlagen Sie sich nicht und geben Niemanden die Erlaubnis Ihren Hinterkopf zu erschüttern! Fallen Sie aber auch nicht mit der Stirn auf die Tastatur und vermeiden Sie Zusammenstöße mit Wänden und Säulen. Schlagen Sie Ihre Hände nicht mit Wucht über dem Kopf zusammen. Solche mechanischen Einwirkungen auf Ihr Denkorgan haben, wenn überhaupt, negative Folgen für Ihr Denkvermögen.

Ihre geistige (kognitive[1]) Kapazität ist vielmehr abhängig von der Leistungsfähigkeit und Auslastung ihres Arbeitsgedächtnisses. Diese Struktur wird vorwiegend im vorderen Gehirnbereich, dem sogenannten präfrontalen Cortex, verortet und ist funktional vergleichbar mit dem Arbeitsspeicher eines Computers. Die Festplatte eines Computers hingegen ist so etwas wie das Langzeitgedächtnis Ihres Gehirns und speichert unbegrenzt und sicher Datenmengen und Programmanwendungen ab. Um mit diesen Daten zu arbeiten, werden sie in den Arbeitsspeicher geladen, dort aufrecht erhalten und verarbeitet. Der Arbeitsspeicher kann sämtliche Datenformen aus allen Speicherorten nutzen und beendet den Zugriff nach Beendigung des jeweiligen Prozesses. Zudem ermöglicht ein leistungsfähiger Arbeitsspeicher die simultane Inbetriebnahme von komplexeren und anspruchsvollen Programmen. Der Arbeitsspeicher hat eine begrenzte Kapazität und ist sehr viel fehleranfälliger als eine Festplatte. Beim Absturz des Systems gehen die Informationen verloren. Dieser Vergleich unterstützt unser Verständnis für unsere eigene Informationsverarbeitung.

Die Crux mit der Gedächtnisleistung (Quelle: Pixabay)
Die Crux mit der Gedächtnisleistung (Quelle: Pixabay)

Das Arbeitsgedächtnis als Begriff für eine Gehirnfunktion wurde von dem Psychologen Alan Baddeley eingeführt und erweitert die mittlerweile veraltete Vorstellung von einem Kurzzeitgedächtnis. Das Arbeitsgedächtnis hat neben der kurzzeitigen Speicherung von Informationen eine andere Hauptaufgabe: die Informationsverarbeitung im weitesten Sinne. Das Arbeitsgedächtnis verbindet die Systeme im Gehirn (Wahrnehmung, Motivation, Emotion, Langzeitgedächtnis) indem es Informationen in diese Systeme eingibt, herausliest bzw. übersetzt. Wenn wir einen Satz lesen, sorgt das Arbeitsgedächtnis  dafür, dass wir den Satzanfang noch im Gedächtnis haben, wenn unsere Aufmerksamkeit am Satzende ist.

Wie der Arbeitsspeicher, hat auch das Arbeitsgedächtnis unseres Gehirns eine maximale Kapazität. Umso mehr Platz in unserem Arbeitsgedächtnis gerade frei ist, umso höher ist unsere Denkgeschwindigkeit. Wir haben eine breitere Aufmerksamkeitsleistung, Verarbeitungsgeschwindigkeit und auch Entscheidungsfähigkeit. Während dem Ausführen einer Routinetätigkeit, wie beispielsweise der Nahrungsaufnahme oder der Wohnraum- und Körperhygiene, fällt uns die Trennung von wichtigen und unwichtigen Informationen leichter als während komplexer Rechenoperationen.

Wenn aber das Arbeitsgedächtnis bei voller Auslastung an Aufgaben mit hohen Konzentrationsanforderungen arbeitet, ist kein Platz mehr für effiziente Aufmerksamkeitsverschiebungen oder Entscheidungen. Es geht letztendlich darum, bei einer Informationsflut seine Aufmerksamkeit zu steuern. Im Grunde besteht die Leistung des Arbeitsgedächtnisses im Abschirmen der primären Denkoperationen von Dudelsackklängen, Mobiltelefongeräuschen, fremden Konversationen und eigenen körperlichen Empfindungen. Sobald das Arbeitsgedächtnis überlastet ist, wird diese kontrollierte Aufmerksamkeit eingeschränkt und damit die Denkqualität gemindert. Ihr Körper sendet zudem Stresssignale, welche vorerst zusätzliche Energie bereitstellen können, aber langfristig die Fähigkeit zur kontrollierten Aufmerksamkeit senken, und damit Ihre kognitive Kapazität vermindern.

Weitere Funktionen welche über das Arbeitsgedächtnis gesteuert werden, sind Selbstbeherrschung und Willenskraft. Nur bei moderater Auslastung des Gehirns durch die mentalen Prozesse, sind wir in der Lage unser Verhalten aktiv zu kontrollieren. Überlastete oder Gestresste Zeitgenossen neigen beispielsweise unfreiwillig vermehrt zu Zigaretten oder Süßwarenkonsum, da ihre Willenskraft zu wenig Kapazität vom Arbeitsgedächtnis zur Verfügung hat um NEIN zu sagen.

Da das Arbeitsgedächtnis eine so zentrale Rolle bei den menschlichen Denkprozessen spielt, gibt es in der aktuellen psychologischen Forschung Ansätze die Arbeitsgedächtniskapazität als wahre Intelligenz zu definieren.

So weit so gut. Wenn ein Rechner zu langsam arbeitet oder oft überlastet ist und fehlerhaft arbeitet, gibt es die Möglichkeit in ein leistungsfähigeres Modell zu investieren. Unser Arbeitsgedächtnis können wir nicht austauschen, nur effizienter nutzen. Gestehen Sie sich und Ihrem Kopf ein, dass Sie begrenzte Auslastungsmöglichkeiten haben. Umso mehr Dinge wir gleichzeitig verarbeiten, umso fehleranfälliger sind die durchgeführten Operationen. Vermeiden Sie also bei wichtigen Aufgaben und Entscheidungsprozessen unbedingt jede Form von Reizflut. Sorgen Sie für eine ruhige Umgebung, einen aufgeräumten Schreibtisch und einen gefüllten Magen. Auch wenn man meinen könnte, dass gezieltes Arbeitsgedächtnistraining die Kapazität erhöht, so sind es vielmehr Entlastungszeiten und Abwechslung welche unser Denkvermögen sichern. Unterstützen Sie zudem Ihr Arbeitsgedächtnis, indem Sie sich immer wieder Ihrer eigentlichen Prioritäten bewusst werden. Halten Sie gegebenenfalls eine Notiz bereit. Fokussieren Sie Ihre Aufgaben statt alles gleichzeitig erledigen zu wollen. Entlasten Sie ihr Arbeitsgedächtnis durch niedergeschriebene Aufgabenlisten. Alle Dinge die schnell zu erledigen sind sollten sofort abgehakt werden, anstatt sie über Tage oder Wochen im Hinterkopf behalten zu müssen.

Das Einzige was man letztlich schlagen sollte um sein Denkvermögen zu erhöhen, sind sämtliche Power-Tasten in Ihrer Umgebung. Gönnen Sie Ihrem Arbeitsgedächtnis eine Pause und Zeit um Informationen zu sortieren. Das Gehirn benötigt unbedingt Leerlaufzeiten, also einen Offline-Modus. Das ständige Abrufen von und Reagieren auf Informationen aus dem Weltgeschehen über moderne Medien belagert das Arbeitsgedächtnis und klaut wichtige kognitive Ressourcen und Vernetzungsarbeitszeit im Gehirn. Gönnen Sie Ihrem Kopf den Leerlaufmodus. Eine Leerlaufzeit kann mit Bewegung, Musizieren, Tagträumen, Knobeln/Daddeln oder auch bewusstem Genuss verbracht werden. Hauptsache ihr Arbeitsgedächtnis arbeitet ab und zu so wenig wie möglich.

 


 [1] Kognition beschreibt die menschliche Informationsverarbeitung und schließt alle Denk- und Wahrnehmungsprozesse sowie deren mentale Ergebnisse (Wissen, Einstellungen, Überzeugungen, Erwartungen) mit ein.
Literatur:
Baddeley, A. (2007). Working memory, thought, and action. Oxford University Press, Vol 45.
Berti, S. (2010). Arbeitsgedächtnis: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines theoretischen Konstruktes. Psychologische Rundschau, 61 (1).

 

 

 

 

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