Storytelling – die Zukunft in der Gegenwart erzählen

09. April 2019

Seit Jahrtausenden haben alle guten Geschichten etwas Wesentliches gemeinsam: sie berichten von Helden, die eine Reise mit ungewissem Ende erleben, auf ihrem Weg große Herausforderungen bestehen müssen und am Ende verändert und innerlich gewachsen daraus hervorgehen. Jeder Leser liebt es, den Protagonisten auf seiner Reise zu begleiten und mit ihm zusammen die unterschiedlichsten Gefahren und Prüfungen zu bestehen.

Nicht ganz so einfach ist es, wenn wir selbst uns Veränderungen stellen müssen und damit meist liebgewonnene Gewohnheiten oder ein vertrautes Umfeld, das uns im Leben Halt gibt, opfern sollen. Viele von uns scheuen das Risiko der Ungewissheit, und aus diesem Grund finden Veränderungsprozesse häufig erst dann statt, wenn die Notwendigkeit zum Handeln größer ist als die Angst vor Veränderung. Erst der feste Glaube daran, dass die Zukunft schöner und besser wird als die Gegenwart, lässt Menschen etwas aufgeben und Neues versuchen.

In Unternehmen werden Geschichten strategisch dazu eingesetzt, um Traditionen, Werte und Unternehmenskultur zu vermitteln, um Ressourcen zu wecken, aber auch um Konflikte in einer Metapher bildhaft und „unter die Haut gehend“ erfahrbar zu machen und Lösungswege aufzuzeigen.[1]

Veränderungen lassen sich nur dann erfolgreich meistern, wenn die Zukunft vielversprechend, vorwärtsgerichtet und plausibel beschrieben wird und die Menschen zusätzlich zur sachlichen Ebene eine emotionale Verbindung mit dem Sachverhalt aufbauen. Durch eine gute und gut erzählte Geschichte entstehen verlockende Bilder im Kopf, die motivieren und die Angst vor einem Neuanfang in den Hintergrund treten lassen. Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel I have a dream über mitreißendes präsentieren.

Das Storytelling verwendet gerne ein besonderes Stilmittel, das sogenannte Narrativ. Der Begriff, den bis vor kurzem eher Soziologen und Literaturwissenschaftler verwendet haben, hat sich im allgemeinen Wortschatz etabliert und bezeichnet eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen bestimmten Kulturkreis bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind und den Glauben der Menschen an bestimmte Sachverhalte maßgeblich mitbestimmen.[2]

Ein Paradebeispiel für die äußert gekonnte Verwendung dieser beiden Stilmittel im unternehmerischen Bereich ist Steve Jobs, dessen Geschichten wie Versprechen wirken und wie Köder locken. Ihm gelang es, Glaubwürdigkeit und Markterfolg für seine Produkte zu erzeugen, indem er Geschichten über technische Visionen erzählte und damit Millionen Menschen zu faszinieren verstand.

Und obwohl solche Geschichten oftmals nicht von unbegrenzter Dauer sind, ist es ein eindeutiges Zeichen für die menschliche Sehnsucht nach verheißungsvollen Versprechen, dass immer wieder neue Geschichten ihre Faszination auf uns ausüben, denen wir uns nicht entziehen können. Und dies wiederum ist der Dreh- und Angelpunkt, der für jede Veränderung von maßgeblicher Bedeutung ist: eine gute Geschichte als wichtige Basis und idealer Rahmen zugleich und ein unverzichtbares Instrument für erfolgreiche Veränderungsprozesse.

[1] Andrea Bittelmeyer: Geschichten, die das Unternehmen schreibt. Storytelling. In: Manager-Seminare. Heft 78, Juli/August 2004

[2] Hegemoniale Semantiken und radikale Gegennarrative, von Wolfgang Seibel, Exzellenzcluster, Uni Konstanz, 22. Januar 2009

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